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Unterwegs mit dem glorreichen Sportverein

European Football Fans Congress 2017 in Gent und Lokeren

Um die Zeit ohne Werder-Pflichtspiele und ohne Testspiele in der direkten Umgebung sinnvoll zu nutzen, ging es für mich und die ein oder andere Werder-Reisegruppe die letzten Tage (unabhängig voneinander) zum European Football Fans Congress 2017 in den belgischen Städten Gent und Lokeren. Von Donnerstag bis Sonntag sollte es hier auf Einladung von Football Supporters Europe (FSE) um den Austausch mit insgesamt über 200 Fans, Journalist*innen, Vereinsvertreter*innen aber auch Vertreter*innen von Uefa u.ä. aus 35 Ländern zu Themen wie Pyrotechnik, Stehplätzen, Flüchtlingsarbeit oder Inklusion gehen. Während sich die beiden Fanszenen aus Gent und Lokeren mit ihren jeweiligen Vereinen der ersten belgischen Liga aufgrund der räumlichen Nähe, beide Städte liegen nur etwa 20 Autominuten auseinander, durchaus rivalisierend gegenüber stehen, zeigt ein solcher gemeinsam organisierter Kongress gut, wie wichtig doch der Zusammenhalt in fanpolitischen Fragestellungen ist.

Bereits Donnerstag startete der Kongress mit einer großen Beachparty in Gent, zu der sich trotz teilweise regnerischem Wetter bestimmt 100 Fans verschiedenster Vereine auf das ein oder andere Bier trafen. Entsprechend leer waren am nächsten Morgen die ersten Shuttlebusse (es gab nicht nur Shuttlebusse vom zentralen Hotel in Gent nach Lokeren zum zweiten Tag des Kongresses, sondern auch für das Programm Do. und Fr. in Gent), die die Teilnehmer*innen zum freitäglichen Veranstaltungsort, der Ghelamco Arena des örtlichen Erstligisten, brachten. Schon ungewohnt, sich den ganzen Tag in einem Stadion aufzuhalten, dort aber kein Spiel zu sehen. Nichtsdestotrotz eignet sich so ein Stadion durchaus als Tagungsort. Insbesondere die VIP-Sessel wussten in den Pausen zu gefallen. Ich bin ja echt kein Freund von VIP-Plätzen bzw. Sitzplätzen im Allgemeinen, aber die waren schon echt gemütlich und wurden entsprechend nochmal für ein kleines Nickerchen genutzt. Auch das Catering machte aufgrund der Tatsache etwas her, dass es Essen und Getränke eben wie bei einem Fußballspiel an den Ständen im Umlauf des Stadions gab. Dafür, dass Belgien eigentlich für gute Pommes bekannt ist, waren diese allerdings wirklich schlecht. Kann natürlich auch an den langen Schlangen und der nötigen Massenabfertigung liegen.

Natürlich fährt man aber zu einem Fankongress nicht unbedingt zum Essen und Trinken, sondern zum Erfahrungsaustausch untereinander und so soll im Folgenden stichpunktartig auf die besuchten Workshops und Podiumsdiskussionen eingegangen werden. Viele der angesprochenen Themen und Probleme sind dem geneigten Stadionbesucher dann doch vielleicht eher unbekannt und dürfen gerne als Grundlage gesehen werden, sich mit den Themen auseinanderzusetzen.

Football & Refugees: a practitioner’s perspective

  • insgesamt 4 Teilnehmer*innen berichteten über ihre Erfahrungen in der Arbeit mit Geflüchteten in England, Griechenland, Schottland und Deutschland
  • während es in Deutschland bei solchen Projekten zumindest teilweise Unterstützung durch die DFL-Stiftung und örtlich ansässige Institutionen gibt, handelt es sich in den anderen Ländern meist um reine „grassroot“-Projekte, in denen oft auf Eigeninitiative Freizeitprogramme für die Geflüchteten aufgebaut werden
  • unter allen Vortragenden herrschte der gemeinsame Konsens, dass Fußball eine wirklich gute und einfache Möglichkeit ist, Menschen zu helfen, indem man ihnen eine Beschäftigung gibt, da Geflüchtete in fast allen Ländern nur sehr eingeschränkt arbeiten dürfen und entsprechend Beschäftigung Mangelware ist
  • Probleme gibt es in fast allen Projekten in der Integration von geflüchteten Frauen und Mädchen in den Fußball, teilweise stoßen sie auf wenig Akzeptanz, oft gibt es keine oder kaum weibliche Trainer und auch nicht genug Trainingsmöglichkeiten für einzelne Teams, um z.B. auch nach Altersgruppen getrennt zu trainieren
  • wenn schon die Arbeit als wichtige Integrationsmöglichkeit von Seiten der Behörden erschwert wird, so muss wenigstens der Fußball für den kulturellen und sprachlichen Austausch genutzt werden, reine Spiele von Geflüchteten gegen Teams vor Ort machen wenig Sinn, wenn die Geflüchteten dadurch doch wieder unter sich bleiben, Mixed Teams tragen deutlich mehr zur Integration bei
  • bei der ständigen Nennung des Wortes Integration muss aber immer im Blick gehalten werden, dass es unterschiedliche Definitionen von Integrationen gibt, ein vollständiges Ablegen der Werte und Kulturen des Herkunftslandes zu Gunsten derer des Aufnahmelandes ist keine Option und der absolut falsche Weg, Erlernen der Sprache und Übernahme von Aufgaben in der örtlichen Gesellschaft helfen viel mehr
  • ein junger Syrer, der seit 2 Jahren in Koblenz lebt und nicht nur fließend englisch, sondern auch deutsch spricht, berichtete von seinen Erlebnissen und sprach unter anderem auch über das Verständnis anderer Kulturen, das erst im Laufe der Zeit kommt und erlernt werden muss und was auch oft zu Missverständnissen zwischen Heimischen und Geflüchteten führe, gleichzeitig machte er klar, dass es wichtig ist, Geflüchtete nicht immer nur als Geflüchtete sondern als Teil der Gesellschaft zu sehen, es ist nicht absehbar, wann er und seine Familie nach Syrien zurückkehren können, die nähere Perspektive sieht erstmal einen Verbleib und damit eine Partizipation als Teil der örtlichen Gesellschaft vor

Alternative Approaches to Pyrotechnics

  • der/die ein oder andere wird von den Planungen und der Umsetzung von Fackeln in Dänemark gehört haben, welche aufgrund deutlich niedrigerer Temperaturen wesentlich ungefährlicher sind, eine Podiumsdiskussion mit Vertreter*innen aus Dänemark (direkt von Brøndby, die an der Entwicklung beteiligt sind), Schweden und Norwegen sowie per Skype zugeschaltet ein Vereinsvertreter aus Orlando, USA, sollte über die derzeitige Situation und Möglichkeiten informieren
  • zunächst musste aber mal das Thema der letzten Woche besprochen werden, wonach laut einigen Medien Uefa und FSE zusammen eine Studie fertiggestellt hätten, nach der Pyrotechnik gefährlich und im Stadion nicht anwendbar ist, hierzu wurde klargestellt, dass es nicht nur diese beiden Partner der Studie gab, die Studie ganz allgemein vor mehreren Jahren mit der Intention in Auftrag gegeben wurde, sich als FSE nicht einer wissenschaftlichen Diskussion zu verschließen und diese Studie nur einen Teil des Gesamtpakets darstellt, in dem eben auch nach Lösungen gesucht werden soll
  • Dänemark: man unterscheidet cold und hot fire; cold (Rauch) für Choreos anzumelden und legal; Anmeldung muss 14 Tage vorher erfolgen; Brøndby hat aus eigenem Interesse zusammen mit Fanvertretern die Entwicklung neuer Fackeln vorangetrieben, da man jedes Jahr der Verein mit den meisten Strafen aufgrund von Pyro in DK war; Ziel ist es, möglichst viele illegale und teilweise eben auch gefährliche Fackeln durch diese neuen zu verdrängen, bei denen man mit der Hand durch die Flamme fassen kann; hergestellt werden die Fackeln in China, es gibt mittlerweile schon 2 Weiterentwicklungen des ersten Prototyps mit einer Leuchtkraft von jetzt etwa 75% gegenüber normalen heutigen Fackeln; es ist klar in der Fanszene, dass diese neuen Fackeln nur akzeptiert werden, wenn sie am Ende auch etwa die 100% Leuchtkraft heutiger Fackeln erreichen, das ist das Ziel, zudem wurden die Fackeln bezüglich kleinster Partikel im Rauch im Hinblick auf die Gesundheit weiter optimiert und man ist zuversichtlich, eine Lösung zu finden; Pyro wird im Stadion größtenteils von den „normalen“ Fans akzeptiert und auch in den Medien nicht unbedingt als Gewalt angesehen, dennoch ist es für die Medien nach Wegfall von Themen wie Hooligans doch ein regelmäßiges Thema
  • Schweden: in Schweden wird Pyrotechnik regelmäßig verwendet; theoretisch kann man das legale Abbrennen beantragen, Problem dabei ist, dass es keine Fackeln gibt, die für das legale Abbrennen akzeptiert werden, da selbst Fackeln mit CE-Kennzeichnung nur als Warnung für den Notfall genutzt werden dürfen; verhindert wird hier alles von der Polizei, dennoch versuchen auch die Vertreter der Liga aktiv nach einer Lösung zu suchen
  • Norwegen: hier gibt es schon angemeldete Pyroshows, man hat auch kaum Probleme mit der Polizei, hier macht die Feuerwehr zu oft Probleme mit zu strikten Bedingungen; Norwegen gilt als Vorbild für viele andere Länder
  • Orlando (USA): Orlando besitzt ein sehr neues Stadion und nach dem Aufstieg in die erste Liga wurde man selbst von Vereinsseite im Hinblick auf die Verwendung von Choreomaterialien und auch Pyrotechnik (allerdings nur Rauch) unterstützt; im neuen Stadion gibt es sogar Stehplatzbereiche mit sogenannten Smoking devices, wobei auch hier weiterhin das Problem ist, dass es spontane Aktionen eben nicht geben kann; man glaubt aber schon, dass viele Vereine der Major League Soccer dem Beispiel von Orlando folgen werden, aktuell gibt es in den USA allerdings noch nicht so viele Vereine mit Fanszene
  • das grundsätzliche Problem, was immer wieder thematisiert wurde, ist das, dass es immer wieder Berichte zur Gefährlichkeit von Pyrotechnik von Seiten der Uefa und einzelnen Verbänden gibt, es aber nie das Ziel gab, auch nach Lösungen zu suchen, dies kritisieren sogar Personen der skandinavischen Verbände offen, so dass man viel auf Eigeninitiative setzen muss
  • gleichzeitig muss man die Gefährlichkeit von Pyrotechnik immer in Relation zu anderen Dingen sehen, durch Bierbecherwürfe und die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums werden viel mehr Menschen verletzt, dennoch ist der Alkohol beim Fußball viel mehr akzeptiert als Pyrotechnik

Nach einer weiteren gemeinsamen Diskussion zum Thema „Supporters, terrorism and states of emergency“ und anschließendem Abendessen + Freibier im Stadion ging es für die meisten Teilnehmer*innen zur Pub Night. Gegen vier Uhr wurde wohl auch den Pubmitarbeiter*innen noch etwas Schlaf gegönnt. Erstaunlich, dass es dann doch der Großteil der Teilnehmer*innen in den ersten Bus schaffte, der uns ins etwa 30 Minuten entfernte Daknam Stadion von Lokeren brachte. Hier ist alles eine Nummer kleiner und familiärer, zudem gibt es Stehplätze, aber auch hier natürlich kein Spiel für uns sondern andere spannende Themen. Zugunsten des Inklusionsworkshops wurde von meiner Seite auf die Infos zur Ausstellung Fan.tastic Females inkl. Interviewtraining verzichtet. Wer hier Infos wünscht, der sei an die Cailleras oder Antje verwiesen.

Accessibility & Inclusion

  • organisiert wurde der Workshop von einer Vertreterin von Cafe, dem „associate partner“ der Uefa in dem Bereich zusammen mit einer Fanvertreterin aus Russland, welche als Rollstuhlfahrerin direkt berichten kann
  • zunächst ging es allgemein um Behinderung bzw. körperlicher und geistiger Eingeschränktheit, nur 1% der Personen sitzen im Rollstuhl, insgesamt gibt es aber mehr als 1 Mrd. behinderter Personen weltweit, schon allein eine Farbblindheit kann im Stadion zu erheblichen Problemen führen, so dass nicht allein mit Farben sondern auch eindeutigen Symbolen auf Dinge hingewiesen werden muss
  • als behindert werden im Allgemeinen die Personen bezeichnet, die durch ihre Einschränkungen von Dingen ausgeschlossen werden, die andere in der Gesellschaft machen können
  • mehr als 50% der Behinderten weltweit waren noch nie bei einer Sport- oder sonstigen öffentlichen Veranstaltung, 40% noch nie im Ausland
  • anhand einfacher Richtig-Falsch Fragerunden wurde darüber aufgeklärt, was zum Beispiel behindert bedeutet bzw. wer als solcher bezeichnet wird (wer ein gebrochenes Bein hat, ist zwar zeitweise eingeschränkt, zählt aber nicht hierzu, obwohl eine entsprechende Barrierefreiheit auch dieser Person helfen würde), wie man solchen Personen helfen kann und was gute oder schlechte Handlungsweisen sind (kein/e Rollstuhlfahrer*in möchte selbst Gratistickets aufgrund seiner Behinderung)
  • die Uefa bietet einen entsprechenden Guide, welcher bald ein Update erfahren wird (Link folgt bei Zeiten), auch die DFL gibt bald eine entsprechende Broschüre heraus
  • typische Fehler sind z.B. Hinweisschilder auf Augenhöhe, welche bei entsprechendem Andrang nicht mehr zu lesen sind, nicht vorhandene niedrige Theken für Essen und Getränke, fehlende Unisex-Toiletten (die Begleitperson eines Rollstuhlfahrers könnte ein anderes Geschlecht haben), Positionierung von Rollstuhlfahrerplätzen zwar erhöht aber hinter normalen Plätzen
  • es gibt z.B. in fast jedem deutschen Stadion Sprecher*innen extra für Blinde, die ihnen vom Spiel berichten, wichtig dabei ist aber auch darüber zu berichten, was neben dem Platz passiert, wie die Stimmung ist, welche Choreografien gezeigt werden etc
  • man spricht von barrierefreier Toilette und nicht von Behindertentoilette (accessible und nicht disabled toilet)
  • wichtig ist es, behinderten Personen Verantwortung und Aufgaben zu übertragen, die sie ausführen können und sie nicht pauschal auszuschließen

Plenardiskussion Safe standing

  • in England gibt es aktuell mehrere Initiativen, die unter dem Begriff „safe standing“ versuchen, Stehbereiche zurück in die englischen Stadien zu bringen, was Ende der 80er/Anfang der 90er aufgrund mehrerer Stadionunglücke verboten wurde
  • auch Vereine beteiligen sich daran und beginnen damit, testweise entsprechende Bereiche einzurichten, Vorreiter auf der britischen Insel ist hier Glasgow (Schottland)
  • in der Diskussion berichten Sprecher*innen aus Belgien, Schweden (Verbandssprecher), Deutschland, England und ein Vertreter der Uefa über die jeweilige Situation
  • in Belgien, Schweden und Deutschland waren Stehplätze im Gegensatz zu England nie verboten, sie gehören in den meisten Stadien dazu
  • neben dem Aspekt Stimmung durch die Personen in den Stehbereichen wird auch immer der finanzielle Aspekt erwähnt, mit niedrigeren Eintrittspreisen mehr Leuten den Stadionbesuch zu ermöglichen
  • die Sprecher*innen aus Deutschland und England berichten davon, dass bereits heute viele englische Fußballfans zum Stadionbesuch nach Deutschland reisen, da man bei uns im Stadion stehen und das Bier auch auf der Tribüne trinken darf
  • von Seiten der Uefa ist aktuell nichts in Richtung Stehplätze bei europäischen/von der Uefa organisierten Wettbewerben geplant, man argumentiert auch mit Problemen bei der Infrastruktur (Sanitäreinrichtungen etc) bei entsprechend vielen Personen in den Stehbereichen
  • der Grundkonsens unter fast allen Fans bleibt derjenige, dass man Stehbereiche möchte, diese zur Fankultur dazu gehören und jeder selbst entscheiden soll, ob er/sie stehen oder sitzen möchte

Während es für den Großteil der Teilnehmer*innen noch hieß, sich an FSE-Sitzungen und -Wahlen zu beteiligen, ging es für uns zu dritt noch wenigstens ein Spiel in Belgien zu machen, worauf sicher später noch an anderer Stelle verwiesen wird.

Für mich bleibt nur festzuhalten, dass ich die insgesamt 3 Tage Austausch untereinander und auch das Wiedersehen mit bzw. Kennenlernen so vieler netter Menschen sehr genossen habe und man auch ohne Spiel im Fußballkontext doch eine Menge Spaß haben kann fernab von Vereinszugehörigkeit und Rivalität untereinander!

Alle Infos zum Kongress und den weiteren Workshops findet ihr auch hier

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