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Football Pride Week 2016 – Kampf gegen Homophobie und Sexismus im Fußball

Heute einmal ein Post ganz ohne direkten Werderbezug und auch ohne rollendes Leder, aber nicht weniger wichtig.

Vom 5. bis 9. Oktober fand in Berlin die erste Football Pride Week statt. Geladen hatten unter anderem Fußballfans gegen Homophobie (FFgH), Football Supporters Europe (FSE), Queer Football Fanclubs (QFF) und der Lesben-  und Schwulenverband Berlin und Brandenburg (LSVD). Mit über 300 Teilnehmern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, aber auch Ländern wie Schweden, USA, Canada und Mexiko wurde über die Themen Sexismus und Homophobie im Fußball diskutiert und in Workshops Handlungsweisen im Kampf gegen Diskriminierung erarbeitet. Neben den Fanbeauftragten einzelner Vereine (u.a. Jermaine von Werder, dem HSV, Eintracht Frankfurt, Schalke 04) waren viele Fanprojektler (Babelsberg, FSV Frankfurt, Bochum, Mönchengladbach, Mainz, Kaiserslautern u.a.), schwul-lesbische Fanclubs und Einzelpersonen vertreten. Positiv überrascht haben mich die Teilnahme von Andreas Rettig (kaufm. Geschäftsleiter FC St. Pauli) und am Samstag Roman Neustädter (aktuell Spieler in Istanbul und russischer Nationalspieler), die Rückmeldungsquote der Vereine insgesamt war dagegen eher gering, wenn man bedenkt, wie viele Vereine es allein in den ersten drei deutschen Ligen gibt. Auch hätte ich mir ein wenig mehr Beteiligung aktiver Ultragruppen erhofft, denn es ist immer schön, sich unter Personen gleicher Einstellung auszutauschen, ob das aber Probleme wirklich löst, sei einmal dahingestellt.

Eingeläutet wurde die Woche bereits Mittwoch Abend mit einem gemütlichen Beisammensein bei Grill und Getränken am Fanprojekt Berlin. Da es leider nicht unbedingt das beste Wetter war, hielt sich der Aufwand beim Aufbau in Grenzen und so konnte sich schnell Speiß und Trank gewidmet werden bzw. aus Werder-Sicht die Rolle der Getränkeverantwortlichen übernommen werden (2x Werder und 1x Köln an der Theke). Bereits am ersten Abend waren etwa 60 bis 80 Personen anwesend, die sich bei dem ein oder anderen Bier unterhielten. Der Vorteil des Thekendienstes ist ja, dass jeder fürs neue Getränk zu dir kommen muss und man so auch schnell ins Gespräch kommt und auch die nächsten Tage jeder auf einen zu kommt. Unglaublich, was Bier für eine völkerverständigende Wirkung hat. Gegen kurz vor 1 am Donnerstag morgen mussten wir dann auch die letzten rauswerfen, damit jeder noch eine Mütze Schlaf vor dem ersten Konferenztag bekam.

Für mich hieß es zwecks Arbeitsamtbesuch am Donnerstag schon um 6:30 aufstehen und nach dem Arbeitsamt direkt weiter zum Veranstaltungsort bei ver.di. Vor lauter Alkoholkonsum am Abend (die Wertung geht wohl an Malmö, St. Pauli und TeBe, ich will hier ja keine Namen nennen :P) wurden leider die Veranstaltungsbanner im Fanprojekt vergessen, was mir eine Taxifahrt durch Berlin verschaffte. So sah ich wenigstens vor dem möglichen Umzug nochmal einen Teil der Stadt, die mich die vergangenen 3 Jahre beherbergt hat. Nach Wiederankunft am Veranstaltungsort stand die Registrierung schon parat und es konnte mit den Eröffnungsreden (u.a. von Vertretern von ver.di, DFB und DFL) und einen Kurzüberblick über Homophobie und Sexismus im Fußball bzw. Konzepte und Gegenstrategien für Vielfalt und gegen Diskriminierung in den aktiven Part gestartet werden. Dieser bestand aus insgesamt 4 Workshops mit den Themen „Wie können Vereine nach innen wirken?“, „Wie können Vereine nach außen wirken?“, „Wie können Verbände nach innen und außen wirken?“ und „Zum Umgang mit Homophobie in der Fanarbeit“. Während an den ersten 3 Workshops in erster Linie die Vereinsvertreter  teilnahmen, saß ich mit jeder Menge Fanprojektlern und einzelnen Fanclubvertretern in letzterem Workshop, der mit Antje u.a. auch von einer Bremerin geführt wurde (insgesamt 3x Bremen in diesem Workshop). Gestartet wurde hier zunächst mit einem Positionierungsspiel bezüglich Zustimmung zu bestimmten Thesen. Insgesamt waren sich hier alle sehr ähnlich, wobei mir auffiel, dass mit mir nur insgesamt 3 Leute der These zustimmten, bei Homophobie im Stadion sofort was zu sagen. Weiter ging es mit Stichwortsammlungen und anschließender Diskussion dazu, was als typisch männlich und typisch weiblich im Fußball angesehen wird und welche Positionen das jeweilige Geschlecht typischerweise ausübt. Nach ein wenig Zeit klappte es dann auch ganz gut, sich in jeweilige Rollenbilder reinzudenken. Zu Beginn tat ich mir ein wenig schwer, mich in solche Rollenbilder hineinzuversetzen, die ich eigentlich größtenteils schon länger abgelegt habe. Daher war es auch wenig erstaunlich für mich, dass ich mich mit vielen der typischen Aufgaben von Frauen selbst ganz gut identifizieren konnte. Die fehlende Verpflegung mit Essen („typisch Frau“) bei der Veranstaltung konnte zumindest der Kerl mit ein paar Kinder Country und Snickers für die Nachbarn übernehmen ;). Anschließend ans Thema Sexismus wurde das Thema Homophobie bzw deren Sichtbarkeit in Vereinen, Verbänden, bei Spieler*innen und Zuschauer*innen thematisiert. Auch hier fand ein reger Austausch statt, wobei wir leider alle zum Fazit kamen, dass insbesondere eine gewisse Alltagssprache als auch Ignoranz der Wichtigkeit des Themas eine Rolle spielen (traurigerweise wurden wir am nächsten Tag beim Gespräch mit der Uefa genau in der These bestätigt, siehe weiter unten). Darauf aufbauend wurden die Möglichkeiten für Fanprojekte und Fanbetreuung in der Prävention und auch Intervention besprochen, wobei sich hier insbesondere die Aufklärung und die Rolle als Ansprechpartner herauskristallisierten. Abgeschlossen wurde der Tag mit einem Buffet mit allerlei Leckereien und netten Gesprächen, was sich am Ende auch wieder deutlich länger als geplant zog.

Tag zwei der eigentlichen Konferenz war der internationalen Vernetzung gewidmet, so dass hier auch die internationalen Teilnehmer von Mittwoch Abend wieder mehr zum Vorschein kamen, die den Donnerstag auch fürs Sightseeing nutzten. Wer besonders früh auf war, konnte sogar schon vor dem heutigen Konferenzstart einen Bericht inkl. Interview mit Endi im Morgenmagazin sehen (zu finden u.a. in der ARD Mediathek), auch sonst wurde selbst in der Kölner Lokalzeit am Abend über die Konferenz und den gemeinsamen Workshop von Kölnern und Düsseldorfern gesprochen. Wie wichtig eine solche Außendarstellung und Information der Zuschauer*innen im Stadion und vor den Bildschirmen ist, zeigte sich auch in der einführenden Podiumsdiskussion mit Teilnehmern von FFgH, aus den USA, FSE, QFF und der Uefa. War ich zu Beginn der Diskussion noch positiv über die Teilnahme von Patrick Gasser als Chef der Football and Social Responsibility Unit (FSR) der Uefa überrascht, stellte sich in der Diskussion auch mit dem Publikum heraus, dass sich die Uefa einerseits weiter in erster Linie allein für den Fußball verantwortlich sieht (Stichwort fehlendes Verantwortungsbewusstsein aus den Workshops), andererseits mit den bisherigen Maßnahmen zum Kampf gegen Diskriminierung scheinbar mehr als zufrieden ist. So wollte der liebe Herr sich einerseits dafür feiern lassen, dass es den 30-sekündigen No to Racism-Werbespot vor jedem Champions League-Spiel gibt, andererseits ein paar NGOs im Kampf finanziell unterstützt werden. Die Gedanken vieler Zuhörer ließen sich mehr als trefflich mit der Publikumsfrage, ob die Uefa also quasi nichts machen würde, beschreiben. Weiterhin wurde das Thema Regenbogenflaggen im Stadion thematisiert. So wurde bei der EM in Frankreich beispielsweise Personen mit Regenbogenfahnen der Zutritt verwehrt, russische Hooligans mit Putin-Shirts durften aber ohne Probleme ins Stadion. Auch hier wirkte die Ansage, Politik, wozu angeblich auch Regenbogenfahnen zählen, hätte im Stadion nichts zu suchen, doch ein wenig plump und fand wenig Verständnis. Am Ende bleibt mir als Fazit der Diskussion mit dem Uefa-Vertreter nicht viel mehr in Erinnerung als die Tatsache, dass ihm in etwa die Zeit, die ich im Hintergrund des Morgenmagazin-Berichts zu sehen bin, ausreicht, um das Problem Diskriminierung zu bekämpfen. Nach dieser in Bezug auf die Ansagen nicht unbedingt erfolgreichen Podiumsdiskussion ging es mit den internationalen Workshops weiter. Diese beschäftigten sich am heutigen Tag mit der weiteren Vernetzung von Fußballfans gegen Homophobie, LGBTIQ-Fanclubs in Europa und den kommenden Weltmeisterschaften in Russland und Katar (hierzu waren extra Teilnehmer eines Queer-Netzwerks aus Russland angereist). Für mich ging es zum Vernetzungstreffen von FfgH, was mit sicher 50 Leuten auch gut besucht war. Hier wurde die Situation und das Vorgehen in einzelnen Ländern besprochen, worauf ich im Folgenden unter Ausschluss von Anspruch auf Vollständigkeit kurz eingehen möchte:

Schweden:

  • Nutzung des Ausdrucks Supporter, da Fans mit dem Eishockey verbunden wird
  • Anpassung des FfgH mit blauem Hintergrund und Schriftzügen in den Farben der jeweiligen Vereine und Fanszenen
  • je nach Region unterschiedliche Akzeptanz: Malmö auch durch einen schwulen Hooliganchef recht gut, Elfsborg, Norköpping und Göteborg relativ gut, Stockholm kaum
  • auch insbesondere durch Pyro auf Demonstrationen etc Akzeptanz geschaffen

Kanada und USA:

  • einzelne Fanszenen, die sich in Absprache mit dem Verein auch klar positioniert haben und dadurch jegliche Form der Diskriminierung auch offen ansprechen können
  • in Kanada durch zunehmenden Erfolg des Montrealer Vereins aber auch Wiederkehr der Homophobie im Stadion

England:

  • teils Schulung aller Beteiligter inkl. Ordnungsdienst
  • bei Regelverstoß auch Schulung und Aufklärung der Schuldigen, was sie eigentlich falsch gemacht haben
  • Beispiel Arsenal, die vor einem Auswärtsspiel eine Mail an alle Kartenkäufer geschickt haben, dass homophobe Gesänge in keinster Weise geduldet werden

Mexiko:

  • sehr schwierige Situation auch politisch
  • Auklärung von der Straße mit Flyern etc
  • man zeigt sich auch mit Bannern in den Stadien, wird aber u.a. sogar von einer teilweise homophoben Antifaszene nur wenig unterstützt

Deutschland:

  • als das Banner in Dortmund gezeigt werden sollte, war für manche Gruppen wichtiger darauf aufmerksam zu machen, dass es vorher in Leipzig war und es deshalb abzulehnen

Frankreich und Südeuropa:

  • es gibt kaum Aktive und Kooperation mit Südeuropa, hier wird nach Wegen gesucht, sich auch in diesen Regionen besser zu vernetzen

Es bleibt also festzuhalten, dass insbesondere die Unterstützung durch andere Fangruppen und den eigenen Verein unerlässlich für den Erfolg von Kampagnen ist, womit wir wieder beim zu Beginn angesprochenen Thema der fehlenden Adressaten auf der Pride Week sind.

Zu den Netzwerktreffen von QFF und FSE am Samstag kann ich leider nichts sagen, da ich dort nicht anwesend sein konnte. Alles in allem war es wichtig, sich wieder einmal untereinander auszutauschen und weiter zu vernetzen, weshalb ich die Football Pride Week als Erfolg sehe. Zu kritisieren bleibt weiterhin die fehlende Teilnahme von Gruppen außerhalb des Netzwerks und der geringe Zuspruch von Vereinen. Organisatorisch kam das Thema Essen auch während der Workshops ein wenig kurz. 😉

Was können wir nun aus Werdersicht mitnehmen?

Wenn man so mit Vertretern anderer Vereine spricht, scheint im Bereich Homophobie vieles in Bremen richtig zu laufen, was meiner Meinung nach insbesondere ein Verdienst der Antidiskriminierungs-AG und einer frühzeitigen Sensibilisierung der Fanszene ist. Dennoch gibt es auch bei uns Personen abseits der aktiven Fanszene, die manches sexistische und homophobe Vokabular als selbstverständlich ansehen und denen wir immer wieder klar machen müssen, dass es eben nicht richtig ist, seinen Gegenüber als Schwuchtel oder Fotze zu bezeichnen und selbst ein Hurensohn nicht gerade un-sexistisch ist. Einen guter Zeitpunkt für diesen Post stellt insbesondere unser Spiel gegen Bayer Leverkusen am kommenden Wochenende dar. Zu oft wurde auch in der Ostkurve oder bei Spielen in Leverkusen im Gästeblock das, seien wir ehrlich, überaus peinliche und absolut homophobe und sexistische „Ihr steht auf Schwänze und nicht auf Busen, ihr seid die Fans von Bayer Leverkusen“ von einzelnen Personen angestimmt. Auch ich habe davon bei den letzten Spielen berichtet und auch ich habe die Leute sofort zur Rede gestellt. Leider musste ich auch in Hinblick auf andere sexistische Gesänge (vgl. Schalke auswärts letzte Saison und darauf basierend den Bericht zum Spiel in Lotte) im Werderblock feststellen, dass die angebliche Einsicht einzelner nur gespielt war, wenn sie nur wenige Spiele später den selben Scheiß wieder von sich geben. Einige werden es als falschen Weg ansehen, aber ich denke aktuell ernsthaft drüber nach, das kommende Heimspiel gegen Leverkusen bewusst nicht zu besuchen. Auch wenn es nur wenige sind, die solch einen Scheiß anstimmen, wenn man bei Ansprachen diesbezüglich immer nur ausgelacht und nicht ernst genommen wird, verliert man auch die Lust am ganzen Spiel.

In diesem Sinne:

Homophobie und Sexismus sind kein Fangesang!

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