Nur der SVW!

Unterwegs mit dem glorreichen Sportverein

West Ham United – Werder 1:2 , So. 02.08.15, Zuschauer 9919 (etwa 400 Gäste)

Werder bestreitet ein Testspiel in London? Sofort wurde ein Großteil der Szene hellhörig und auch ich fragte direkt rum, wer denn mit von Berlin nach London reisen würde. Matze fand sich sehr schnell als Reisebegleiter und fand auch eine entsprechende Verbindung über Köln-Bonn hin und zurück direkt nach Berlin Schönefeld, alles in allem für knapp 150€, kann man mal machen. Man flüsterte mir, dass die Preise der Billigflieger ab Bremen schon 2 Stunden nach Bekanntgabe des Termins rapide anstiegen. Nach der verpassten Europa-League Qualifikation am letzten Spieltag in Dortmund auch irgendwie verständlich.

Schon die ganze Woche vor dem Spiel war Europapokalstimmung zu spüren, für mich war es nach Mailand damals auch erst das zweite Spiel außerhalb Deutschlands und er weiß, wann die nächste Chance dazu kommen wird. Ein wenig getrübt wurde die Stimmung dennoch durch die Verkündung des Wechsels von Di Santo zu Schalke am Tag der Fans das Wochenende vorher. Was soll man dazu sagen? Ständig erzählt der liebe Herr Di Santo, wie sehr er sich bei Werder wohlfühlt und es nicht an ihm liegen soll, ob er bleibt. Auch spielt er fast die gesamte Vorbereitung im Sturm mit, so dass der Trainerstab natürlich fest auf ihn setzt. Und kurz vor Beginn der Saison geht er dann ausgerechnet zu Schalke? F*** dich!

Aber zurück zum West Ham Spiel:

Samstag Abend 21 Uhr ging es los mit dem ICE nach Köln-Bonn Airport, ein Hoch auf die 19€-Tickets der Bahn. Da der Flug erst um 7 Uhr gehen sollte, wurde die Zeit im fast leeren ICE und am richtig vollen Flughafen (Stichwort Mallorca-Touristen) mit lesen, schlafen und ähnlichem Verbracht. Am Flughafen gab es außer besagten Sauftouristen nachts um 3 Uhr nicht viel zu sehen, so dass wir uns schnell in den Sicherheitsbereich begaben (na, bei wem hats wohl gepiepst?!) und dort noch etwas Kraft tankten. Ständig wurden die Augen nach anderen Werder-Fans offen gehalten, außer Stefan vom Schnitzer + Freundin und Freund kam aber niemand, die meisten waren wohl doch schon Freitag und Samstag geflogen, nicht weiter verwunderlich.

Der Flug verlief entspannt und dauerte dank anderer Zeitzone auf dem Papier nur 20 Minuten. In London Stansted angekommen erstmal ein wenig Geld gewechselt und sich auf die Suche nach den vorher online gebuchten Easybus Flughafenbussen begeben (Stansted-Victoria Station nur knapp 8 Pfund, sehr zu empfehlen). Nach ein wenig Fragerei dann auch gefunden und die knapp 2 Stunden vom Flughafen bis zur Victoria Station dann auch noch einmal ein wenig geschlafen bzw. die Gegend bewundert. Diese Reihen Haus an Haus mit Auto davor sind für mich einfach so typisch britisch. In London dann die Travel Card am Automaten der Metro geholt, mit der ihr 1 Tag lang alle U-Bahnen, Busse und sonstige ÖPNV-Einrichtungen des Anbieters nutzen könnt und erstmal ein wenig Sightseeing gemacht. Mein letzter Londonbesuch ist nun schließlich auch schon 10 Jahre oder mehr her. Zwar gibt es an jeder Ecke auch Postkarten zu kaufen, das Finden von Briefmarken wurde aber zu einer etwas größeren Aktion. Erst im vierten oder fünften Geschäft wurde ich fündig, 1,5 Pfund für eine Marke waren dann aber doch mehr als die online angegebenen 1 Pfund. An den Motiven (Buckingham Palace, Big Ben etc) auf den Marken erkennt man aber sofort -> reine Touristenabzocke (Edit 20.08.: Die Karten sind übrigens auch Wochen später noch nicht angekommen.). Da 15 Uhr Anpfiff sein sollte und das Stadion von West Ham am anderen Ende der Stadt liegt, haben wir uns dann doch recht schnell auf den Weg gemacht. War eigentlich nicht nötig, die U-Bahn fährt von besagter Victoria Station in knapp 40 Minuten direkt bis Upton Park. Dort angekommen erstmal eine kleine, lange Straße betreten, an deren Ende schon das Stadion zu erahnen war. Links und rechts viele kleine Geschäfte und auch der Markt war an diesem Tag gefüllt mit Händlern und Waren. Das Umfeld rund ums Stadion ließ bei mir zunächst ein bisschen Skepsis walten, die Gegend wirkte eher wie ein typisches Problemviertel, nur ohne Plattenbauten. Diese Skepsis hielt aber nicht lange, die Leute waren alle sehr nett und man fühlte sich auch als Gast gleich willkommen. Schnell noch in einem der Kiosks eine Cola gekauft und weiter zum Stadion. Unterwegs dann noch ein Programmheft gekauft (3 Pfund, aber so eine Erinnerung…) und dann am Stadion angekommen und erstmal den Blick genossen. Mit dem angedeuteten Turm am Haupteingang wirkt das Stadion einfach supercool. Man muss leider erwähnen, dass es für uns eine der letzten Chancen war, den Boleyn Ground zu besuchen. Ab 2016 wird West Ham im Olympiastadion spielen und das jetzige Kultstadion muss vermutlich Bürogebäuden weichen, so recht konnte mir keiner der Heimfans etwas dazu sagen. Der Weg zum Gästeeingang gestaltete sich dann etwas länger, da dieser erstmal gefunden werden musste. Am Ende lag er ziemlich genau auf der anderen Seite unseres Ausgangspunktes. Vorm Stadion die ersten 10 Bremer angetroffen, die darauf warteten, dass die Ordner endlich mit dem Einlass beginnen. Laut Auskunft sollte dies gegen 13 Uhr geschehen, um 13:15 waren die Ordner aber immer noch vor dem Eingang am Essen und nicht aus der Ruhe zu bringen. Gegen 13:30 wurden wir dann aber endlich reingelassen. Ich war bezüglich Tasche mit reinnehmen ja etwas skeptisch, nachdem wir alles vom Flug und Übernachtung dabei hatten, der Ordner war aber total entspannt. Ich begonnen, alles schön auszupacken und Entschuldigungen gesucht „it’s just our journey-stuff“ und er meinte einfach nur „it’s okay“, Glück gehabt. Karten kosteten dann schlappe 25 Pfund. Für so ein Erlebnis mal ok, aber man muss sich vor Augen führen, dass dies die günstigste Preiskategorie vor Ort ist, bei Topspielen geht diese bis auf 50 Pfund hoch. Da muss man bei unseren 18-20€ fürn Steher ja echt glücklich sein. Im Stadion selbst wurde es dann sehr lustig. Die Sicherheitschefin wollte bei 10-15 Werderfans zunächst darauf bestehen, dass jeder den auf der Karte aufgedruckten Sitzplatz einnimmt (ja, in England wird gesessen, das Stehen ist ausdrücklich untersagt). Nachdem sie merkte, wie sehr wir uns über ihren abstrusen Wunsch amüsierten, hat sie dann aber schnell eingesehen, dass dies so nicht umsetzbar ist. Die seitliche Wand des Gästeblocks wurde von Aschaffenburg, Griffins, Matzes Berlinfahne und einigen anderen frühzeitig beflaggt. Wie man an den Namen schon lesen kann, waren es im Grunde die üblichen Verdächtigen. Gegen 14:30 waren dann auch laute Werder-Gesänge von außerhalb des Stadions zu vernehmen. Die Szene hatte sich vor dem Spiel in einem Pub getroffen und war anschließend gemeinsam zum Stadion gelaufen. Im Stadion trotz der Größe des Gästeblocks eine gute Aufteilung. Im vorderen Bereich stand die Szene rund um Infamous, UTB, einzelnen Cailleras, Ultra Boys, HB Crew, Wanderers und SEKO, Kutten und Eventpublikum zogen sich selbstständig in den hinteren Teil des Gästeblocks zurück, können wir bei Ligaspielen gerne öfter so machen. Alles in allem haben etwa 400 Werderfans den Weg auf die Insel gefunden, wovon etwa 300 das gesamte Spiel supportet haben. Zu Beginn wurde ein großes „Free Valentin“ Banner für den seit einigen Wochen eingesperrten Valentin gezeigt, welcher aufgrund der Vorkomnisse zwischen Ultras und Nazis beim Derby in Haft sitzt. An dieser Stelle noch einmal solidarische Grüße! Antifaschistischer Selbstschutz ist kein Verbrechen!

Während des Spiels war die Stimmung wie angedeutet super, auch neue Lieder, wie „Wir sind die Fans der Elf in grün und weiß“, wurden angestimmt und auch von einem Großteil der Gästefans mitgesungen. Das größte Gesprächsthema tags drauf in allen möglichen britischen Presseerzeugnissen war aber unser „Wonderwall“ Gesang ab etwa der 75. Minute bis Abpfiff. Gab es zu Beginn noch ein paar fragende Blicke, zog es nach und nach alle im Block in den Bann und so wurde 15 Minuten lang durchgesungen. Ein englischer Fan hat dies gefilmt und so machte das ganze sehr schnell die Runde. Zu sehen im folgenden:

Wie man anhand des Videos erahnen kann, war die Stimmung wirklich gut. Von Heimseite kam leider stimmungsmäßig kaum etwas. Rechts vom Gästeblock postierten sich etwa 50 bis 100 Fans in Trikots, die 2 bis 3 Mal etwas lauter wurden. Auf der Gegentribüne links neben dem Gästeblock wurde dagegen von sehr komischen Gestalten oberkörper frei ausschließlich rumgepöbelt und die ein oder andere homophobe Geste abgelassen. Fremdschampotential riesig. Positiv ist, dass sich von uns niemand wirklich provozieren ließ und es so entsprechend ruhig blieb.

Schön dagegen war anzusehen, dass der Rollstuhlfahrer des UTB seinen Rollstuhl im Innenraum abstellen und selbst auf die Sitzplätze im Block getragen werden durfte, sowas würde in Deutschland vermutlich an irgendwelchen Sicherheitsbedenken der Ordner scheitern.

Zum Spiel selbst kann ich gar nicht so viel sagen. West Ham ging nach etwa 15 Minuten 1:0 in Führung, ehe im Gegenzug Ujah ausglich. Wieder Ujah besorgte auch den verdienten Siegtreffer und wurde dafür von den Gästefans ausgiebig gefeirt. Wer braucht schon Di Santo? Scheiß S04!

Nach dem Spiel wurde dann gemeinsam der Weg zur U-Bahn angetreten. Bereits vor dem Block begannen 3 West Ham Fans gegen geschätzte 200 Werderaner zu pöbeln, Respekt dafür, die Polizei ging aber schnell dazwischen. Gerade als eben diese sich wieder zurückgezogen hatte, kamen wir an einer der Kneipen der West Ham Fans vorbei, was da teilweise in der Tür stand, machte schon ein wenig Angst. Genauso hatte ich mir englische Hooligans vorgestellt. Dank des Kneipensicherheitsdienstes blieb uns aber genug Zeit, uns darüber zu amüsieren, wie einzelne Polizisten völlig panisch nach Verstärkung in ihr Funkgerät wimmelten.

Den Abend dann noch entspannt an der Themse und auf der Wiese des Krankenhausparks gegenüber des Big Bens verbracht, bevor es dann gegen 23 Uhr zurück zur Victoria Coach Station ging, von der um 2 dann auch der Bus nach Luton Airport ging. Am Flughafen noch schnell das restliche Geld in 2 Cheeseburger für schlappe 3,80 Pfund pro Stück investiert und 6 Uhr ging es dann auch wieder ohne weitere Vorkomnisse dank easyjet zurück nach Berlin Schönefeld und anschließend in mein Bettchen. Lange Tour, wenig Schlaf aber geil war es und die Vorfreude auf die kommenden Pflichtspiele ist enorm gestiegen.

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